Jahrhundert Hochwasser 8. bis 10. August 2007 an unserem Wohnort auf dem Auhof in Brugg
Entgegen dem Eindruck, den der Beitrag in der Sendung von 10vor10 von SF1 vermittelt hat, waren nicht nur Bauer Hans Ackermann
mit Lebenspartnerin vom Hochwasser auf dem Auhof betroffen, sondern noch zwei andere Menschen... .
Damit unsere Freunde und andere Interessierte auch ein paar Eindrücke aus unserer Perspektive mitbekommen,
haben wir diese Webseite gestaltet.
Alle Fotos lassen sich mit einem Klick vergrössert betrachten.
Quellen:
Grafiken: Bundesamt für Umwelt, mit freundlicher Genehmigung.
Luftaufnahmen: 10vor10 Reportage SF DRS.
Fotos: Margrit Schön, Rainer Schön
Text: Rainer Schön, Margrit Schön
Wasser: Aare
Mittwoch, 8. August 2007 - Das Vorspiel
12:20
Wetterbericht im Radio DRS1. Sympathische Stimme, bedrohlicher Inhalt. Starke Niederschläge. Überschwemmungen.
Meteo Schweiz: Gefahrenstufe Orange. Später: Rot.
12:25

Internet: 3 Tage Vorhersage Wasserabfluss Aare bei Brugg. Haut mich vom Stuhl. 1700m3/s. Am Donnerstag. Durchschnitt ist 400m3/s.
Überschwemmt wird bei 1000m3/s. Prost!
13:30
Kann nicht untätig sein. Telefongespräch mit dem
BAFU (Bundesamt für Umwelt). Freundlicher Mann. Erklärt mir Zusammenhänge. Geduldig. Besorgt. Telefongespräch mit der
Abteilung Landschaft und Gewässer, Kanton Aargau. Freundlicher Mann. Verständnisvoll. Besorgt. Telefongespräch mit der
Stadt Brugg. Man rufe zurück.
14:00
Hans ist unser Vermieter. Der Bauer vom Hof. Hans ist Hochwasser erprobt. Schon 3 Mal. In 13 Jahren. Hans, kommt das Wasser?
Was für Wasser? Aha.
Wolkenbruch. Räumen Dinge in die Höhe. Im ehemaligen Stall (Keller und Werkstatt). Auch Wertloses. Wegen dem Chaos, nachher. Sagt Margrit. Und hat recht.
16:30
Telefon vom Stadtammann. Alles halb so schlimm. Die Lage entspannt sich. Keine Panik. Ich soll Hans fragen.
Hans sei Hochwasser erprobt. Ich sei Anfänger. Verständlich.
Verfolge Wasserstand. Im Internet. Stündlich.
18:30
Messe Wasserstand. An der Aare. Persönlich. Noch ein Meter. Nachtessen.
20:00
Feuerwehr warnt Nachbarn. Telefonisch. Nachbarn warnen uns. Persönlich. Gehe zur Aare. Messe nochmals.
Noch 2 bis 4 Stunden, schätze ich. Räumen Möbel in den 1. Stock. Nervös? Etwas. Angst? Nein.
Beigen Sandsäcke. Übriggeblieben vom letzten Hochwasser. Vor das grosse Wohnzimmerfenster. Mit der Schubkarre. Margrit und ich. Es schüttet. Matsch.
22:00
Telefon. Der Stadtammann. Doch schlimm. Wie 2005. Mindestens. Aha.
23:30
Alles verstaut. Beim Nachbarn offenbar auch. Familienmitglieder stehen rum, draussen.
Warten auf die Flut. Geplauder, Getränke, Zigaretten, vereinzelt Lachen. Ein aufmunterndes Wort? Ein Drink? Denkste. Unglaublich.
24:00
Wasser schon beim Hühnerhof. Maria ist die Lebenspartnerin von Hans. Marias Nerven liegen blank. Maria wird ausfällig. Uns gegenüber.
Wir verstehen nicht alles. Aber einiges. Warum? Noch keine Feuerwehr, keine Sandsäcke. Soll ich die Feuerwehr rufen, Hans? Wieso? Wegen der Sandsäcke.
Nützen sowieso nichts. Hans ist Hochwasser erprobt. Jetzt bald das 4. Mal. In 13 Jahren. Er weiss wie es geht. Wir nicht.
Wir sind Anfänger. Wir rufen die Feuerwehr. Wir finden Sandsäcke nützlich. Die Feuerwehr auch.
Donnerstag, 9. August 2007 - Die Flut
00:30
Haustüre zu. Plastikfolie, Sandsäcke. Eingeschlossen. Das Wasser steigt.
Abflussmenge Aare in Brugg 1050m3. Das Wasser steigt. Stetig.
03:00
Schlaf? Kaum. Abruf der Abflussmengen. Regelmässig. 50m3/s Zuwachs pro Stunde. Wann hört es auf?
Im Haus steigt das Wasser. 10cm pro Stunde. Fotos. Dunkelheit. Wasserrauschen. Unheimlich. Wann kommt der Tag?
Eigenartig. Alles funktioniert. Trinkwasser, Abwasser, Strom, Telefon, Internet... mitten im Fluss. Im 1. Stock!
06:00
Versuche es mit Schlaf. Schwierig. Radio verbreitet Katastrophenmeldungen: Bern, Olten, Döttingen, und das
Wasserschloss?
07:30
Margrit schlägt Alarm. Wasser bereits bis zum Wohnzimmerfenster. Nur noch 4cm. Abwarten.
10:00
Wasser steigt. Aber langsam. Der Stadtammann erkundigt sich. Aufmunternde Worte. Bietet Hilfe an. Danke.
Der Strom fällt aus... kein Licht, kein Funktelefon, kein Internet, kein... . So haben wir es
uns vorgestellt. In der Phantasie. Jetzt Realität.
11:00
Bestellen etwas beim Pizza Kurier. Gemein. Ein Witz.
12:00 Hochwasser
Abflussmenge fast 1400m3/s. Das Wasser steigt nicht mehr. Höchststand. Entspannung. Draussen fliesst der Fluss. Vor dem Haus, hinter dem Haus.
Baumstämme treiben vorbei. Wir mitten drin. Im 1. Stock. Das Wasser knapp unter den Fenstern. In der Küche
steht 86cm Wasser. Draussen etwas mehr. Wir sind müde. Wir legen uns hin.
14:00
Lärm vor dem Haus. Was ist los? Ein Kunde des Hofladens? Kaum. Ein General mit Truppe im Ponton. Evakuieren
unsere Nachbarn. Sie haben Hunger, müssen mal auf's Klo. Verständlich. Auch uns will er. Wir wollen aber nicht. Wieso auch. Wir wohnen hier. Mit Hab und Gut.
Hunger haben wir nicht, das Klo ist im 1. Stock. Glück gehabt. Sie dampfen ab. Ohne uns.
Schlaf ist dahin. Das Wasser 20cm gesunken. Heli kreist über dem Hof. Fernsehen? Das Vordach verdeckt
uns die Sicht. Sonst würden wir winken.
19:00
Wasser noch etwa 40cm. Die Evakuierten kehren zurück. Im Traktor.
Die Blumen strecken die Köpfe aus dem Wasser. Gras wird sichtbar. Die Holzplattform arbeitet sich nach oben.
Oder das Wasser nach unten. Wir freuen uns auf morgen.
Freitag, 10. August 2007 - Der Tag danach
03:00
Ruhe, Ruhe, Ruhe. Kein rauschender Fluss. Nur Wind in den Blättern.
08:00
Good morning sunshine. Tief und fest geschlafen. Der Spuk ist vorüber. Der Tag ist jung. Packen wir ihn!
10:00
3cm Restwasser und Schlamm im Erdgeschoss. Die Heizkörper sind warm. Ein Klima wie im Hamam. Hans will warten bis morgen.
Morgen kommt das Putzinstitut. Das macht das schon. Hans ist Hochwasser erprobt. Er weiss wie es geht. Wir nicht. Wir sind Anfänger. Wir rufen die Feuerwehr.
Freundliche Leute dort. Und hilfsbereit. Saugen und putzen den Schlamm raus. Auch bei Hans. Dort das Doppelte. Keine Sandsäcke.
Macht nichts. Die Feuerwehrleute sind freundliche Leute.
Nachmittag
Aufräumen...
Das 10vor10 macht Filmaufnahmen. Hans macht sich gut. Ganz locker. Wir schleppen Sandsäcke. Oder stellen
Fässer zurück.
19:00
Schwester und Schwager. Im Auto. Mit einem Topf Gulaschsuppe. Dampfend. Tut gut, nach drei
Tagen kalter Platte. Erzählen. Schauen Fotos. Danke.
21:50
Beitrag Auhof im 10vor10. Über's Internet. Mit Zattoo. Die Luftaufnahmen sind eindrücklich. Den Rest
kennen wir.
Samstag, 11. August 2007 - Finale Grande
07:30
Die Gebäudereinigung fährt ein. Zwei Angestellte. Hilfsbereite Leute. Dompteure. Zähmen drei Jugendliche mit
Flausen im Kopf. Statt Arbeit.
10:00
Maria ist böse mit mir. Habe Grenzen überschritten. Mit der Feuerwehr. Und überhaupt. Hans ist der Chef. Er ist Hochwasser erprobt.
Er weiss wie es geht. Wir auch. Jetzt.
Hans ist ein ruhiger Mann. Wer nicht fragt, erfährt nichts. Ich frage. Wie weiter? Keine Küche, kein
Wohnzimmer. Baulärm. Austrocknungsgeräte. Mietzins? Wieso? Doch günstig. Ah, noch was: Die Kündigung.
Eigengebrauch. Will umbauen. Wohnung im 1. Stock. Auf der ganzen Etage. Für die nächste Überschwemmung. Nach 13 Monaten Mietverhältnis.
Hans ist Hochwasser erprobt. Das 4. Mal. In 13 Jahren. Er weiss wie es geht. Wir nicht. Wir sind Anfänger. Wir ziehen aus.
Epilog
Wohin es uns nun treibt, ist ungewiss. Wohnung und Hof waren einmalig, fast auf uns zugeschnitten. Die Aare
war hier zwar eine stete Bedrohung, aber dass sie bereits nach 13 Monaten seit unserem Einzug und zwei Jahre nach der letzten
Überschwemmung so massiv über die Ufer tritt, hätten wir nicht gedacht. Trotzdem hätten wir es nochmals versucht.
Die Natur ist unberechenbar - der menschliche Faktor aber auch. Leider.
© Rainer + Margrit Schön CH-5200 Brugg